Jod und Brustkrebs




Jod wurde bislang nur mit der Schilddrüse in Zusammenhang gebracht. Relativ wenig Gedanken hat man sich dagegen über mögliche Wirkungen von Jod in anderen Organen und Geweben gemacht. Nur etwa ein Drittel des im menschlichen Körper vorkommenden Jods ist in der Schilddrüse bzw. den Schilddrüsenhormonen zu finden. Der Rest ist außerhalb der Schilddrüse lokalisiert. Die Funktionen dieses Jods sind weitgehend unklar (Venturi 2005).

In den letzten Jahren gab es Überlegungen hinsichtlich einer möglichen antioxidativen Schutzfunktion des Jodids, dem im Körper vorkommenden Jod-Ions (J-) (Smyth 2003, Aceves 2005). Durch antioxidative Wirkungen des Jodids werden aggressive sauerstoffhaltige Stoffwechselprodukte, so genannte Freie Radikale, abgebaut und unschädlich gemacht. Damit werden Zellen und Erbsubstanz vor Schäden und (bösartigen) Veränderungen bewahrt.

Reagiert Jodid mit bestimmten Fetten, so entstehen u.a. als Jod-Lactone bezeichnete Verbindungen. Diese haben eine besondere Bedeutung für die Regulation des normalen Wachstums der Schilddrüse (Dugrillon 1990, Langer 2003) als auch für deren Funktion (Pisarev 2000).

Denkbar ist, dass Jod-Laktone auch in anderen Organen, die Jod aufnehmen können wie beispielsweise die Brustdrüse, eine wichtige Rolle spielen (Aceves 2005). Speziell in Schwangerschaft und Stillzeit kann die Brust mehr Jod aufnehmen als die Schilddrüse (Aceves 1996). Dazu werden von Brustdrüsenzellen spezifische und denen den Schilddrüsenzellen verwandte Transporteiweiße gebildet, die Jod aktiv in die Zelle einschleusen (Rillema 2002 und 2003).

In Versuchen mit weiblichen Ratten zeigte sich, dass es unter Jodmangelfutter bei den Tieren zu einer Vermehrung des Brustdrüsengewebes, zur Zunahme von Bindegewebe und Erweiterung der Milchgänge kommt – eine als Mastopathie bezeichnete Veränderung. Wird mit dem Futter ausreichend Jod verabreicht, kann die Mastpathie verhindert werden. Offenbar ähneln sich jodmangelbedingte Gewebsvermehrung in der Brustdrüse und solche in der Schilddrüse (Eskin 1995). Die Brustveränderungen können interessanterweise besser durch Jod als durch Iodid verhindert werden. Das konnte auch in einer Studie bei Frauen mit gutartiger Mastopathie belegt werden (Ghent 1993). Jod wird offenbar ebenso gut aus dem Darm aufgenommen wie Iodid und scheint wirksamer zu sein, die Zunahme von Brustdrüsengewebe zu verhindern.

Asiatische und vor allem japanische Frauen haben ein fünffach niedrigeres Risiko für Brustkrebs als Frauen in westlichen Ländern (Yang 1997). Japanische Frauen verzehren bei traditioneller Ernährung regelmäßig Seetang und Meersalgen, die reichlich Jod enthalten (Hou 1997). In der gegenwärtigen Literatur wird die niedrigere Erkrankungsrate an Brustkrebs bei asiatischen Frauen meist mit Inhaltsstoffen des Soja, den Phytooestrogenen, in Zusammenhang gebracht. Interessant ist die alternative Überlegung, dass Jod nicht nur zur Vermeidung gutartiger Brustveränderungen (Mastopathie), sondern auch zur Risikominderung von Brustkrebs beiträgt (Venturi 2001, Smyth 2003), zumal Seetang in der traditionellen fernöstlichen Behandlung von Brustkrebs schon lange eingesetzt wird.

In Tierversuchen konnte nämlich gezeigt werden, dass ein Zusatz von fünf Prozent Seetang zum Futter die Entstehung von chemisch erzeugtem Brustkrebs signifikant verzögert (Teas 1984, Yamamoto 1987, Funahashi 1999). Bestehende Tumore können bei den Tieren durch ein solches Futter verkleinert werden, ohne die Schilddrüsenfunktion zu beeinträchtigen (Kato 1994, Funahashi 1996). Neuere Tierstudien ergeben, dass eine chronische Zufuhr von Jod die Häufigkeit von chemisch induziertem Brustkrebs bei Ratten um 70% reduzieren kann (Garcia-Solis 2005).

Untersuchungen an Brustkrebs erkrankten Frauen ergaben, dass in einem Drittel der Fälle Karzinome vorliegen, bei denen die Krebszellen Jod-Transporteiweiße bilden wie es in der Schwangerschaft und Stillzeit der Fall ist und dass in diesen Fällen Jod aktiv in die bösartig veränderten Zellen aufgenommen werden kann (Wapnir 2003). Möglicherweise ergeben sich dadurch in der Zukunft völlig neue therapeutische Ansätze.

Literatur beim Verfasser.

Verfasser: Prof. Dr. med. Roland Gärtner, Medizinische Klinik Innenstadt der Universität München, Ziemssenstraße 1, 80336 München, Tel 089/ 5160-2332, Fax 089/ 5160-4430, E-mail: roland.gaertner@med.uni-muenchen.de